Geben Sie es zu: auch bei Ihnen gibt es mindestens einen Hirsch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wohndekorationen wechseln im Licht von Moden, Jahreszeiten und besonderen Anlässen. Warum finden Hirsche da immer wieder einen Platz?

Ja, da gab es einmal eine Zeit, in der war die Abbildung eines Hirsches oder gar eine Skulptur im privaten Wohnumfeld ein absolutes Tabu. Hirsche im Wohnzimmer - das konnte man bestenfalls damit entschuldigen, dass der Hausherr begeisterter Jäger war und es sich aus seiner Perspektive nicht um einen Deko-Gegenstand handelte. Bewusst schreiben wir hier vom Hausherren, der jagdliche Interessen hatte und nicht von der heute vorgezogenen Schreib- und Ausdrucksweise, die beide Geschlechter einbezieht. Der röhrende Hirsch - häufig als gobelinartiger Wandteppich oder als Stickbild präsentiert, war beliebter Bestandteil einer Einrichtung aus einer Epoche, in der Männer und Frauen ihre Aufgaben in und um den gemeinsamen Haushalt herum sehr viel strikter trennten, als das heute der Fall ist. 
Da gab es sicher eine Phase - irgendwo zwischen den 70ern und 90ern des vergangenen Jahrhunderts - in der sich Hirsche schwer taten - mit Ausnahme des Jägerhaushaltes - in modernen Haushalten unter zu kommen. Aber plötzlich waren sie wieder da.

Und es werden augenscheinlich immer mehr. Sie kommen in allen Farben und Größen daher, in Mini- und in XXL-Versionen, möglichst naturnah oder abstrakt, in Holz, Blech, Porzellan oder als Fotomotiv für die Wand. Von Saison zu Saison rechnen wir damit, dass der Boom jetzt wohl (endlich) aufhört. Das Gegenteil ist der Fall: sie haben sich irgendwie eingenistet und gehören zum Standard-programm der Wohndeko-Anbieter.  Wer es schafft, sich so hartnäckig über alles hinwegzusetzen, was in unserer schnell getakteten Einrichtungswelt tonangebend ist, muss mehr sein, als eine Dekoration. Es muss da etwas geben, was selbst diejenigen "bewegt", sich für Hirsche in ihrem Einrichtungsarrangement zu entscheiden, die weder mit Tieren noch mit Natur gewöhnlich etwas anzufangen wissen. Was könnte sich hinter der Hirschbegeisterung verbergen? Handelt es sich um eine Referenz an unsere Großeltern und ihre beschauliche Wohnumgebung? Oder ist es die Darstellung eines Tieres, dem Eigenschaften zugeschrieben werden könnten, die wir sympathisch finden und mit denen wir uns gerne identifizieren?

 


Verblüffend ist, wie lange Menschen schon vom Hirsch beeindruckt  sind und seine Existenz mit der eigenen in Beziehung setzen. In der Steinzeit legte man Hirschgeweihe in die Gräber Verstorbener, um diesen dadurch ein neues Leben zu sichern.  Zur ersten Predigt Buddhas, mit der er das "Rad der Lehre" in Gang setzte, gehört als Begleittier - neben der Gazelle - der Hirsch. Hier symbolisiert er Weisheit und Askese auf dem Weg zur Erleuchtung. Das Zeichen für Hirsch ist im Chinesischen identisch mit dem Zeichen für materiellen Wohlstand, hohes Ansehen und ein langes Leben. Als Seelenführer findet sich der Hirsch auch in keltischen Mythen und Märchen wieder. Er kennt sich im Dickicht des Waldes aus und weist Suchenden wie Umherirrenden den Weg. Das Erlegen eines Hirsches, besonders eines göttlichen, verspricht dem Jäger das Einverleiben der dem Hirsch zugeschriebenen Eigenschaften. In der griechischen Mythologie verwandelt sich der von Artemis verzückte Aktaion in einen Hirsch und wird von seinen eigenen Hunden gehetzt und gerissen: Leidenschaft bis zur Preisgabe des eigenen Lebens. Auch in der christlich geprägten Mystik hat der Hirsch eine

 

Rolle. Er gilt als der Bezwinger der Schlange und wird identifiziert mit Christus, der seinerseits dem Teufel in der Projektion der Schlange den Kopf zertritt und den weltlichen Versuchungen entsagt. In Mexiko steht der Hirsch in Verbindung zur unbewussten Welt der Geister und der Visionen. Freyr, der nordische Gott des Wachstums und der Ernte, erschlug den Riesen Beli mit einem Hirschgeweih, weil dieser die Natur bedrohte.

Und wer schon einmal Gelegenheit hatte, einem lebendigen Hirsch "ins Auge zu blicken", wird das mit großer Wahrscheinlichkeit als einen besonderen Lebensmoment abgespeichert und damit blitzartig wahrgenommen haben, warum Menschen zu allen Zeiten und in nahezu allen Kulturen Ähnliches verspürt haben.
Wenn Hirsche so intensiv und seit unserer frühen Menschheits-geschichte - da sprechen wir von einem Zeitraum von ca. 3,4 Millionen Jahren - in der Lage sind, uns derart zu faszinieren, muss man sich nicht mehr wundern, warum sie es auch in die modernen Wohnlandschaften geschafft haben. Sie lieben Hirsche? Alles o.k., ... sie müssen sich keine Sorgen machen!