Heimtextil 2019 - Oberflächen werden "deutlich"

Selbst die Blonden werden jetzt grob

 

 

 

Die heimtextil 2019 gibt als eine der ersten internationalen Messen im Jahreskalender
einen akzentuierten Überblick zu aktuellen Wohn- u. Inneneinrichtungstrends:

Deutliche Strukturen bieten haptische Erlebnisse und kompensieren somit die vielen glatten Oberflächen, die ein digitalisierter Alltag mit sich bringt.

Textilien im Heim- u. Dekorationsbereich - und dazu zählen in gewisser Weise auch Tapeten u. ansatzweise Teppiche - präsentieren sich auf der heimtextil alles andere als langweilig, leise und einfallslos. Unabhängig vom kulturellen und regionalen Hintergrund der Aussteller lässt sich unschwer ein Durchbruch erkennen. Man will es und kann es jetzt auch: 3D - Strukturen sind nicht mehr aufzuhalten.

 

Menschen verfügen über ca. 2 m² Tastorgan und damit über einen Kommunikationskanal, der  "bespielt" werden muss, damit die Wahrnehmung, die in unserem Gehirn verarbeitet wird, uns auch zu angemessenen Einschätzungen und Entscheidungen kommen lässt. Lange Zeit hat man den Tastsinn (Haptik) im Design von Produkten völlig außer Betracht gelassen und erst mit Beginn der "glatten Oberflächen-Welten" wurde allmählich deutlich, dass es sich dabei um eine gefährliche Entwicklung handelt, die uns in Hinblick auf unser Wahrnehmungpotenzial zu Einschränkungen führt.

 

Während in wissenschaftlichen Labors eilig seit Beginn des Jahrtausends daran gearbeitet wird, wie entsprechende Erkenntnisse in die Produktwelt des Alltags - beispielsweise in den Innenraum eines Fahrzeuges - umgesetzt werden müssen, ist parallel in den Menschen eine eher unbewusste Sehnsucht danach entstanden, sich die Welt auch mit den Fingern zu ertasten. In der Zwischenzeit werden auf gestalteten Oberflächen entsprechende Forschungsergebnisse mehr und mehr abgebildet.  Den nächsten Schritt - wenn auch vielleicht nicht einen erstrebenswerten, stellt für die forschenden Wisssenschaftler die Entwicklung dar, dass virtuelle Objekte oder Prozesse nicht nur gesehen oder gehört, sondern auch mit dem Tastsinn erlebt werden können, also einem simulierten "Anfassen".

Auch die Oberflächen, die wir in unserem Zuhause nutzen und die in einem erweiterten Verständnis als "textil" bezeichnet werden können, sind nun "dran", uns verstärkt - und damit kompensatorisch - haptische Erlebnisse zu bereiten. Dies wird durch eine technologische Entwicklung forciert, die bisher eher als Zukunftsmusik eingeschätzt wurde: der Digitaldruck.

Das hört sich zunächst eher nach einer Marginalie an, es wird aber ein Umwälzungsprozess sein, der nicht nur unser Verhalten als Konsument und Nutzer verändern, sondern mehrere Branche komplett auf den Kopf stellen wird.

"On demand" ist das Zauberwort, auf weißen Stoffen/Vorlagen wird unmittelbar das in einer Qualität und Dimensionalität in nur der unmittelbar benötigten Menge und zwar exakt nach Kundenwunsch und der von ihm ggfs. gelieferten Vorlage gedruckt werden. Die Farben sind wasserbasiert und emittieren nicht mehr. Sie erlauben im Rahmen der neuen Technologien - die Maschinen arbeiten bereits - Ergebnisse, die Textilien völlig neue Funktionalitäten aufsatteln. Brandschutz, Feuchtigkeitsanzeigen, Sichtbarmachen von hinterlegten Informationen unter Schwarzlicht, ja sogar das Aufnehmen von schädlichen Stoffen sind Nutzen stiftende Lösungen, die man noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hat.

 

Was habe ich davon als Endverbraucher? Nun, ... Textilien, die durch Farbwechsel anzeigen, ob sie nass oder trocken sind, oder solche, die die Raumluft entgiften bzw. die Brandgefahr drosseln, dürften schnell überzeugen, besonders, wenn sie nicht als "technische Oberflächen" zu identifizieren sind, sondern sich anschmiegen und einschmeicheln. Wenn das dann auch noch dazu beiträgt, dass man genau das bekommt, was man haben wollte, schnell und günstig, dann dürfte das Massenprodukt endgültig ausgedient haben.