Farben emotionalisieren - ob man will, oder nicht

Weihnachten in Pink. Ostern in Lila.

 

Das sind unzweifelhaft nicht die Farben, die eine Mehrheit als weihnachtlich oder österlich erkennen und schön finden. Es sind eher diejenigen, die sich bewusst gegen "das Übliche" entscheiden möchten, sozusagen Protestwähler für Farben sind, und die sagen: Ach, das ist doch einmal etwas Anderes, mir gefällt es eben!

Farben und das, was sie uns bedeuten und mit uns machen, das ist ein äußerst komplexes Thema und am Ende eines, das eine ganz intime Liason ausmacht. Wir nehmen Farben nicht nur völlig individuell wahr (da hilft auch keine Kategorisierung), sondern Farben liefern uns auch noch unserer ganz persönlichen Stimmungsklaviatur aus und selbst da rufen sie nicht immer identische Töne - oder sollte man besser Schwingungen sagen - hervor.

 

Wer kennt das nicht: man versucht die richtige Kleidung für den Tag oder Anlass aus dem Schrank zu holen und ist mehr und mehr frustiert. Ein wichtiger Grund für die steigende Verzweiflung ist, dass die "richtige" Farbe einfach nicht dabei zu sein scheint. Mit dem einen Kleid wirkt man zu blass, die andere ist zu "laut", die nächste zu "leise". Und schon nimmt das Unglück seinen Lauf, man fühlt sich den ganzen Tag über nicht richtig wohl, von fröhlicher Ausgeglichenheit gar nicht zu reden.

Ein ähnliches Alltagserlebnis stellen Einkäufe dar, die einem zuvor im Laden oder als Bild im Netz noch begeisterten. In der häuslichen Umgebung oder - falls es ein Kleidungsstück ist - an sich selbst ausprobiert, kommt auf einmal Ernüchterung auf. Die Laune sinkt, die Erwartungshaltung war eine ganz andere gewesen.

 

Besonders teuer werden solche Irrtümer, wenn es sich um Farbentscheidungen handelt, die sich nicht so einfach wieder korrigiren lassen, wenn es sich also um etwas handelt, das nicht per Klick wieder zurück zu geben ist oder ohne großen finanziellen Aufwand nicht mehr ausgetauscht werden kann.

Entscheidungen, die das Thema Zuhause, Wohnen, Eigentum betreffen, sind rasch in dieser Kategorie anzusiedeln. Während sich ein paar Sofakissen in der falschen Farbe noch recht schnell wieder entfernen lassen, sieht es mit dem Designersofa selbst schon ganz anders aus, besonders wenn es sich um eine nicht rückgabefähige Ware handelt. Individualisierte Gewerke - im Innen- und Außenbereich - erfordern viele Farbentscheidungen, die "sitzen" müssen, denn sie beeinflussen sogar die Wertigkeit einer Immobilie.

 

Das lässt sich leicht verständlich und nachvollziehbar machen, wenn man beispielsweise an die Farbgestaltung eines Badezimmers denkt. Das, was man noch vor kurzem so wahnsinnig chic fand, kann einem selbst recht bald völlig gegen das Empfinden gehen und so startet man den Tag nicht fröhlich, wie man sich das zuvor vorgestellt hat, sondern sorgt quasi täglich erst einmal selbst dafür, sich mit Betreten des Bades einen kleinen Frustrationsschub zu holen. Im Umkehrschluss auf jede Pfiffigkeit und Rafinesse beim Planen eines Wohlfühlbades zu verzichten, hilft nicht wirklich weiter, denn wer möchte schon lange Jahre im immer gleichen Weiß- oder Beigeton begrüßt werden?

Die Farbpalette ist unermeßlich groß und es gibt eine ganze Reihe von Versuchen, Farbtöne zu kategorisieren und damit wiederholbar möglichst identisch wiedergeben zu können. Das scheitert schnell bereits daran, dass Materialien durch ihre Oberflächenstruktur Licht unterschiedlich brechen und damit Farben sofort anders erscheinen lassen. Samt und Seide, glatte und glänzende Kunststoffoberflächen oder unbehandeltes Holz verdeutlichen sofort, welche starken Abweichungen in der Wirkung die identische RAL-Farbe (Farben, die die RAL gGmbH (eine Tochter des RAL Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung) erstellt und verwaltet)  haben kann. Noch schwieriger wird eine Einschätzung im Vorfeld, wenn es darum geht unterschiedliche "Farbwelten" in einem Raum, für eine Wohnung oder ein Haus zu entscheiden. Allein die geplante Nutzung eines Raumes (Schlafen, Wohnen, Arbeiten, Erholung, Gemeinschaft etc.) und seine Positionierung und des damit zu erwartenden Lichteinfalls innerhalb der Tages- und Jahreszeiten, intensivieren Farb- und Raumwirkung oder lassen sie disharmonisch bis wirkungslos werden.

 

Na ja, man kann es auch übertreiben, denken Sie vielleicht? Die Antwort kann darauf nur sein: JEIN! Dreh- und Angelpunkt beim Thema Zuhause muss die Antwort auf die Frage sein: WER wohnt hier? Und das Finden dieser Antwort sollte Ihnen - wenn Sie sich dauerhaft richtig glücklich mit Ihrer "dritten Haut" fühlen wollen, schon etwas Mühe wert sein. Im Immobilienverkauf haben wir im Laufe der Jahre die Erfahrung gemacht, dass ein Paar auf der Suche nach dem richtigen Heim trotz großem Zeitaufwand nicht erfolgreich sein muss, weil jeder der Beiden - eigentlich - nach einer ganz unterschiedlichen Variante suchte. "There’s no place like home" sagt die kleine Dorothy im Film der Zauberer von Oz aus dem Jahr 1939. Und darin liegt der Schlüssel.

 

 


 

 

Ein praktisches Beispiel: Zwei Farbwelten aus derselben Zwei-Zimmerwohnung, ganz bewusst in unterschiedlichen Stimmungen gehalten: während der Wohn-Essraum im warmen Farbbereich spielt (Nordseite), ist der Schlafraum (untere Reihe) im Süden angesiedelt und orientiert sich an einer fröhlich-sonnigen Einstrahlung. Die eher kecken Farben (pink/neongrün) springen hervor, während alle übrigen Farben dem Umstand Rechnung tragen, dass es hauptsächlich ruhig - weil Schlafraum - zugeht. (Es handelt sich bei diesem Beispiel um ein Home Staging - adressiert an eine(n) jüngere(n), sportlichen KäuferIN, weil die Wohnung nicht ebenerdig lag. Obwohl der Standort eher ländlich als urban war, konnte die Wohnung in Rekordzeit an eine junge Dame verkauft werden.

 

Wie können Sie das Thema Farbauswahl angehen, ohne vorher ein umfangreiches Literaturstudium zu betreiben? Ein erster Tipp ist der, sich aus Wohnzeitschriften Beispiele herauszusuchen, die Ihnen positive Gefühle verursachen (wenn es mehrere Personen sind, die mitentscheiden, macht das jeder für sich). Die gefundenen Beispiele sortiert man danach, WAS es genau ist, was einem auf dem jeweiligen Bild als Farbeindruck begeistert. Dies bitte kurz auf einem Blatt Papier für jedes analysierte Bild festhalten und wenn Sie das Gefühl haben: es reicht jetzt, dann schauen Sie sich an, ob es in Ihren Aufzeichnungen Wiederholungen gibt - nach Raumnutzung getrennt, denn Sie möchten im Bad eine andere Wirkung für sich erzielen, als im Esszimmer. Wichtig ist, dass Sie sich nicht zu sehr von "hippen" oder "schrägen" Farbkombis beeinflussen lassen, denn diese erträgt man erfahrungsgemäß schon nach kurzer Zeit nicht mehr. Dem Drang nach "Top-Aktualität" gibt man am besten Raum, in dem man sich auf leicht Austauschbares (Kissen, Decken, Beiwerk) beschränkt.


Nun haben Sie etwas in Händen, das Ihnen bei weiteren Entscheidungen für Ihr Zuhause eine gute Hilfestellung sein kann. Je nachdem, wie eilig es mit Ihren Planungen ist, wäre der nächste Schritt, sich ein sogenanntes Moodboard zusammen zu stellen. Auf einer festen und ausreichend großen Unterlage befestigen Sie Farb-und Materialauswahl für die Ausstattung eines Raumes in tatsächen Mustern/Proben. Damit können Sie nicht nur unterschiedliche Lichtverhältnisse überprüfen, sondern auch Ihre anstehenden Auswahlentscheidungen und Käufe abtesten.

Fröhliches Wohnen!